Unter dem Schleim – Wie Mikroben die verborgenen Aromen des Kaffees formen
Es gibt einen Augenblick – kurz nachdem die Kaffeekirsche entpulpt wurde und bevor sie zu trocknen beginnt –, in dem der Kaffee weder Frucht noch Bohne ist. Er liegt umhüllt von einem Schleimfilm da – süß, klebrig und enzymatisch aktiv; und genau hier, in diesem Übergangszustand, nimmt die unsichtbare Welt ihre Arbeit auf. Eine Welt der Mikroben, der Fermentation, der Transformation. Und wenngleich sie dem Auge verborgen bleibt, ist sie womöglich einer der entscheidendsten Momente für die Entstehung des Geschmacks. In den letzten Jahren hat sich die Kaffeevergärung von einer bloßen Tradition zu einem hochmodernen Forschungsgebiet gewandelt. Die Erzeuger experimentieren mit anaeroben Tanks, Starterkulturen und Fermentationszeiten – doch nur wenige verstehen die mikrobiellen Ökosysteme, die diese Reaktionen steuern, wirklich in ihrer Gesamtheit. Neue Forschungsergebnisse zu „Honey-Processed“-Arabica-Kaffee offenbaren nun, welch enorme Kraft diesem unsichtbaren Leben innewohnt. In einer Studie, die die mikrobielle Vielfalt bei unterschiedlichen Verfahren zur Belassung des Schleims (Mucilage) analysierte, entdeckten Wissenschaftler eine dynamische Abfolge von Bakterien und Pilzen. Diese verändert sich je nachdem, wie viel Schleim auf der Bohne verbleibt. Beim sogenannten „Black Honey“-Verfahren – bei dem der Großteil des Schleims erhalten bleibt – verwandelt sich der Fermentationsprozess in einen reichhaltigen Bioreaktor. Milchsäurebakterien, Essigsäurebakterien sowie Hefen der Gattungen *Pichia* und *Hanseniaspora* gedeihen hier prächtig. Und mit ihnen entstehen Ester, Aldehyde, Ketone und Terpene, die das flüchtige Aromaprofil der grünen Bohne prägen. Diese Verbindungen sind keineswegs zufällig entstanden; sie stellen aromatische Fingerabdrücke dar. Ester verleihen dem Kaffee Noten tropischer Früchte. Terpene wecken Assoziationen an blumige Düfte. Pyrazine deuten auf Nuancen von Nüssen und Schokolade hin. Was als mikrobieller Stoffwechsel beginnt, entwickelt sich zur sensorischen Identität. Und die Dichte sowie die Vielfalt dieser Identität hängen – im wahrsten Sinne des Wortes – von der Dicke der Schleimschicht ab. Im Gegensatz dazu führen geringere Schleimanteile zu einer einfacheren mikrobiellen Gemeinschaft und einem schmaleren Aromaspektrum. Die Fermentation verläuft kürzer, die Bedingungen sind weniger variabel und die Ergebnisse somit besser vorhersehbar – fallen jedoch auch weniger ausdrucksstark aus. Dies offenbart nicht nur den Einfluss der Mikroben an sich, sondern auch die entscheidende Bedeutung ihres Lebensraums. Der Schleim ist nicht bloß ein Substrat; er ist eine Leinwand.
Dr. Steffen Schwarz ist international anerkannter Experte im Breich Kaffee, Unternehmer und Dozent.
Als Gründer des Coffee Consulate in Mannheim widmet er sich seit vielen Jahren der Aus- und Weiterbildung von Fachkräften entlang der gesamten Wertschöpfungskette des Kaffees. Seine Arbeit verbindet wissenschaftliche Erkenntnisse mit praktischer Erfahrung und umfasst Themen wie Kaffeequalität, Sensorik, nachhaltigen Anbau sowie die Verarbeitung und Zubereitung von Kaffee.
Mit seiner langjährigen Expertise berät er Unternehmen weltweit, entwickelt Bildungsprogramme für die Kaffeebranche und engagiert sich für einen verantwortungsvollen und qualitätsorientierten Umgang mit Kaffee. Als Autor vermittelt Dr. Steffen Schwarz komplexes Fachwissen verständlich und praxisnah und eröffnet seinen Leserinnen und Lesern neue Perspektiven auf eines der faszinierendsten Genussmittel der Welt.