Die Wissenschaft der Extraktion – neu geschrieben
Warum ein neues Gleichgewichtsmodell das Denken über Brühverhältnisse, TDS und Ausbeute verändert
Warum ein neues Gleichgewichtsmodell das Denken über Brühverhältnisse, TDS und Ausbeute verändert
Die Extraktion ist das Herzstück jeder Kaffeezubereitung. Und doch wird sie häufig als eine Art Black Box behandelt: Wasser trifft auf Kaffeemehl, nach einer gewissen Zeit tritt eine aromatische Flüssigkeit hervor – mal stärker, mal schwächer, mal zu sauer, mal zu bitter. Zwischen Theorie und Praxis liegt eine Zone des Erfahrungswissens, die von Trial-and-Error und sensorischem Fingerspitzengefühl geprägt ist. Doch genau hier setzt die nächste wissenschaftliche Wende an: Ein neues, elegantes Modell zur Beschreibung der Extraktion in Full Immersion Brewings schafft nun Klarheit – und macht Extraktion steuerbar wie nie zuvor.
Der Ansatz: Die Extraktion lässt sich als ein Desorptionsprozess im Gleichgewicht beschreiben. Statt sich mit einzelnen Molekülen zu beschäftigen oder komplexe Transportmodelle zu bemühen, geht das neue Modell von einer mittleren Gleichgewichtskonstante aus, die das Verhalten aller löslichen Bestandteile repräsentiert. Das Ergebnis ist eine präzise Vorhersagbarkeit von Brühstärke und Ausbeute in Abhängigkeit vom Brühverhältnis – und eine radikale Vereinfachung bisheriger Extraktionskonzepte.
TDS ist berechenbar – und zwar exakt
Zentraler Punkt des Modells ist die Beziehung zwischen dem Brühverhältnis (also dem Verhältnis von Wasser zu Kaffee), der maximal möglichen Extraktion und der Gleichgewichtskonstanten K. Daraus ergibt sich, dass die TDS – also der Anteil gelöster Stoffe in der finalen Flüssigkeit – sich nahezu exakt aus dem Brühverhältnis ableiten lässt. Und nicht nur das: Für typische Brühverhältnisse ergibt sich eine einfache mathematische Beziehung, in der K, E_max und R_brew die entscheidenden Variablen sind.
In der Praxis bedeutet das: Wer weiss, wie viel Kaffee und Wasser er verwendet, kann die spätere Brühstärke mit hoher Präzision vorhersagen. Die sonst oft durch Erfahrung oder Geräteabstimmung „ertastete“ Brühstärke wird damit zu einer planbaren Größe – unabhängig vom Mahlgrad, der Rösttiefe oder der exakten Temperatur (zumindest im Bereich zwischen 80–99 °C).
Ausbeute ist stabil – und schwerer beeinflussbar
Während die Brühstärke stark durch das Verhältnis von Wasser zu Kaffee geprägt ist, zeigt sich die Ausbeute (also der Anteil der löslichen Bestandteile, die tatsächlich extrahiert wurden) bemerkenswert stabil. Sie hängt im Modell direkt mit der Gleichgewichtskonstanten und dem maximal möglichen Extraktionspotenzial des Kaffees zusammen – bleibt jedoch unabhängig vom Brühverhältnis. Das ist ein Paradigmenwechsel: Viele glauben, durch mehr oder weniger Wasser ließe sich die Ausbeute „optimieren“. Das Modell zeigt: Man verändert nur die Konzentration, nicht den Anteil.
Aus der Perspektive der Qualitätskontrolle eröffnet das enorme Vorteile. Statt mühsam durch zahlreiche Variationen der Wassermenge den „Sweet Spot“ der Extraktion zu finden, kann man sich auf die Fixpunkte des Modells verlassen – und das Brühverhältnis gezielt zur Steuerung der Stärke einsetzen, ohne unbeabsichtigte Veränderungen der Extraktionsausbeute zu riskieren.
Vorsicht bei der Ofentrocknung: Die verdeckte Fehlerquelle
Ein besonders interessanter Aspekt des Modells betrifft die weit verbreitete Methode zur Bestimmung der Extraktion: die sogenannte „Gravimetrie“ mittels Ofentrocknung. Dabei wird die Masse der Kaffeerückstände vor und nach dem Trocknen gemessen, um daraus die extrahierte Masse zu berechnen. Doch genau hier lauert ein systematischer Fehler: Ein Teil der extrahierten Flüssigkeit bleibt in den nassen Kaffeekrümeln gebunden und wird nicht vollständig entfernt – auch nicht durch Pressen oder Decantieren.
Das Modell weist nach, dass diese zurückgehaltene Flüssigkeit gelöste Stoffe enthält, die fälschlicherweise als „nicht extrahiert“ gewertet werden. Die Folge: Die gemessene Ausbeute liegt systematisch unter der tatsächlichen. Je stärker der Kaffee, desto größer dieser Effekt. Für Forschung und Produktentwicklung ist dies eine entscheidende Erkenntnis: Wer auf Basis von Ofentrocknungsdaten arbeitet, unterschätzt regelmäßig die reale Ausbeute.
Die Essenz der Modellrechnung lässt sich auf eine einfache Formel bringen: In der Full Immersion Extraktion ist das Brühverhältnis der wichtigste Stellhebel zur Steuerung der TDS – und gleichzeitig der unbedeutendste zur Beeinflussung der Ausbeute. Das klingt zunächst kontraintuitiv, eröffnet aber neue methodische Klarheit.
Das Brühverhältnis wird somit zur gezielten Steuerungsgröße: Mehr Wasser pro Gramm Kaffee ergibt eine leichtere Tasse mit geringerer TDS, weniger Wasser führt zu einer kräftigeren Konzentration – ohne dass dabei zwangsläufig über- oder unterextrahiert wird. Die Qualität der Extraktion bleibt stabil, der Charakter der Tasse lässt sich variieren. Wer also verschiedene Getränkestile (Cold Brew Concentrate, Ready-to-Drink, Filter, Cupping) aus derselben Bohne und demselben Röstgrad erzeugen will, kann dies durch Anpassung des Verhältnisses tun – mit hoher Vorhersagbarkeit und Reproduzierbarkeit.
Technikfolgen für Sensorik und Produktentwicklung
Die Implikationen für die Praxis sind tiefgreifend. In der Sensorik erlaubt das Modell eine gezielte Vorbereitung von Mustern, die exakt definierte Brühstärken aufweisen – unabhängig von Gerät, Mahlgrad oder sonstigen Variablen. In der Produktentwicklung entstehen neue Spielräume: Ein Cold Brew-Konzentrat mit 3,5 % TDS lässt sich ebenso zielgerichtet herstellen wie ein leichter Filterkaffee mit 1,2 %. Ohne langwieriges Austesten, ohne Guesswork.
Für industrielle Anwendungen, etwa bei der Herstellung von RTD-Produkten, bietet das Modell eine mathematische Grundlage zur Skalierung: Was im Labor funktioniert, funktioniert auch im 100-Liter-Ansatz – solange das Verhältnis eingehalten wird. Diese Übertragbarkeit ist selten in der Kaffeewelt, in der viele Verfahren hochgradig empfindlich auf Umwelteinflüsse, Bohneneigenschaften oder Maschinenparameter reagieren.
Grenzen und Potenziale
Wie jedes Modell hat auch dieses seine Grenzen. Es beschreibt das Gleichgewicht, nicht die Dynamik. Für kurze Brühzeiten, unterbrochene Extraktion oder komplexe Fermentationsprofile kann es daher nur Näherungen liefern. Auch mikrobiologisch beeinflusste Extrakte, etwa aus kontrollierten Fermentationen, weichen mitunter vom prognostizierten Verhalten ab.
Doch gerade in der Welt des klassischen Brewings – ob für Cuppings, Cold Brew, French Press oder automatisierte Batch-Brewer – liefert es eine neue Form von Kontrolle. Eine Kontrolle, die nicht auf Erfahrung beruht, sondern auf Physik. Und die aus einer jahrzehntelang geführten Erfahrungsdiskussion eine mathematisch lösbare Aufgabe macht.
Anhang – Literatur
- Liang, J., Chan, K. C., & Ristenpart, W. D. (2023). An Equilibrium Desorption Model for the Strength and Extraction Yield of Full Immersion Brewed Coffee. Research Square. https://www.researchsquare.com/article/rs-127037/v1
- Liang, J., Batali, M. E., Routt, C., Ristenpart, W. D., & Guinard, J.-X. (2024). Sensory analysis of the flavor profile of full immersion hot, room temperature, and cold brewed coffee over time. Scientific Reports. https://doi.org/10.1038/s41598-024-69867-6
- Guinard, J.-X., Frost, S., Batali, M., Cotter, A., Lim, L. X., & Ristenpart, W. D. (2023). A new Coffee Brewing Control Chart relating sensory properties and consumer liking to brew strength, extraction yield, and brew ratio. Journal of Food Science, 88, 2168–2177. https://doi.org/10.1111/1750-3841.16531
Dr. Steffen Schwarz ist international anerkannter Experte im Breich Kaffee, Unternehmer und Dozent.
Als Gründer des Coffee Consulate in Mannheim widmet er sich seit vielen Jahren der Aus- und Weiterbildung von Fachkräften entlang der gesamten Wertschöpfungskette des Kaffees. Seine Arbeit verbindet wissenschaftliche Erkenntnisse mit praktischer Erfahrung und umfasst Themen wie Kaffeequalität, Sensorik, nachhaltigen Anbau sowie die Verarbeitung und Zubereitung von Kaffee.
Mit seiner langjährigen Expertise berät er Unternehmen weltweit, entwickelt Bildungsprogramme für die Kaffeebranche und engagiert sich für einen verantwortungsvollen und qualitätsorientierten Umgang mit Kaffee. Als Autor vermittelt Dr. Steffen Schwarz komplexes Fachwissen verständlich und praxisnah und eröffnet seinen Leserinnen und Lesern neue Perspektiven auf eines der faszinierendsten Genussmittel der Welt.