Der zweite Flug – Wie Drohnen beim Sprühen, bei der Bestäubung und bei der Ernte im Kaffeeanbau zum Einsatz kommen
Kaffee war schon immer eine Kulturpflanze, die mit viel Fingerspitzengefühl angebaut wurde – von Hand gepflückt, zu Fuß gepflegt, mit Schweiß und Erde genährt. Doch nun ist ein zweiter Aufschwung im Gange: einer, der das menschliche Eingreifen in die Luft hebt. Drohnen in der Kaffeeanbauwirtschaft beschränken sich nicht mehr nur auf die Beobachtung, sondern beginnen zu handeln – sie sprühen, bestäuben und ernten sogar – mit einer Präzision, die bald neu definieren könnte, was es bedeutet, diese so sehr vom Menschen geprägte Kulturpflanze anzubauen. Die erste Veränderung hat bei der Blattdüngung Fuß gefasst. Traditionell bedeutete das Ausbringen von Düngemitteln oder Pestiziden auf steilem Kaffeeanbaugelände mühsame Handarbeit oder den Einsatz schwerer Fahrzeuge, die den Boden verdichteten und die Artenvielfalt beeinträchtigten. Doch mit Flugdrohnen lassen sich Aufgaben, für deren Erledigung Teams von Arbeitern früher Tage benötigten, nun in wenigen Stunden erledigen – und das mit bemerkenswerter Genauigkeit. In Brasiliens Sul de Minas und auf Hochlandflächen in Vietnam sorgen Multirotor-Drohnen wie die DJI Agras T40 und die XAG P100 für eine Sprühung mit extrem geringem Volumen, programmierbaren Flugwegen, Hindernisvermeidung und gezielter Verteilung. Diese Präzision reduziert die Chemikalienabdrift, spart bis zu 40 % des Einsatzes von Betriebsmitteln und begrenzt die Exposition des Menschen gegenüber Schadstoffen drastisch. Doch Drohnen schützen nicht nur Pflanzen – sie könnten bald auch dabei helfen, sie zu züchten. In Versuchen in Ecuador und Kolumbien haben Forscher begonnen, Drohnen zur Unterstützung der Bestäubung einzusetzen, insbesondere in Regionen mit hohem Canephora-Anteil, in denen Wind oder Bestäuber nicht ausreichen. Obwohl noch im Versuchsstadium, könnten elektrostatische Sprühgeräte und Pollenverteiler mit Soft-Rotoren dazu beitragen, die Erträge in zunehmend unvorhersehbaren Klimazonen zu stabilisieren. Dann gibt es noch einen Bereich, den kaum jemand erwartet hätte: die Ernte. Während das Pflücken von Kaffeekirschen nach wie vor eine der heikelsten Aufgaben in der Landwirtschaft ist, werden in Pilotprojekten in Thailand und Südindien bereits leichte Drohnenarme eingesetzt, um die selektive Ernte auf Parzellen mit geringer Pflanzdichte zu unterstützen. Auch wenn diese Versuche noch nicht skalierbar sind, deuten sie auf eine Zukunft hin, in der die drohnenunterstützte Ernte in schwer zugänglichen oder arbeitskräftemangelnden Gebieten eine Rolle spielen könnte.
Dr. Steffen Schwarz ist international anerkannter Experte im Breich Kaffee, Unternehmer und Dozent.
Als Gründer des Coffee Consulate in Mannheim widmet er sich seit vielen Jahren der Aus- und Weiterbildung von Fachkräften entlang der gesamten Wertschöpfungskette des Kaffees. Seine Arbeit verbindet wissenschaftliche Erkenntnisse mit praktischer Erfahrung und umfasst Themen wie Kaffeequalität, Sensorik, nachhaltigen Anbau sowie die Verarbeitung und Zubereitung von Kaffee.
Mit seiner langjährigen Expertise berät er Unternehmen weltweit, entwickelt Bildungsprogramme für die Kaffeebranche und engagiert sich für einen verantwortungsvollen und qualitätsorientierten Umgang mit Kaffee. Als Autor vermittelt Dr. Steffen Schwarz komplexes Fachwissen verständlich und praxisnah und eröffnet seinen Leserinnen und Lesern neue Perspektiven auf eines der faszinierendsten Genussmittel der Welt.