Über Brasilien - Aufstieg und Fall der Kaffeenationen
Jahrzehntelang war Brasilien unangefochten das globale Schwergewicht in der Kaffeeproduktion.
Jahrzehntelang war Brasilien unangefochten das globale Schwergewicht in der Kaffeeproduktion. Mit seinen riesigen Plantagen, seiner ausgefeilten Logistik und seiner robusten Infrastruktur wurde es zum Dreh- und Angelpunkt des internationalen Kaffeehandels - der Lieferant, der Preis, Qualität und Menge bestimmt. Doch in den stillen Datenverschiebungen der letzten Jahre zeichnet sich ein neues Muster ab. Brasilien produziert zwar immer noch mehr Kaffee als jedes andere Land der Welt, aber seine Vormachtstellung ist nicht mehr unumstritten. Andere Länder, die einst übersehen wurden, steigen still und leise auf, nicht durch ihre Größe, sondern durch ihre Strategie.
Die Produktionsprognose für das Jahr 2025 spricht eine deutliche Sprache. Es wird erwartet, dass Brasilien 66,4 Millionen 60-kg-Säcke Kaffee produzieren wird - immer noch eine gewaltige Zahl, aber 5 % weniger als noch vor vier Jahren. Klimaschwankungen, Arbeitskräftemangel und Bodendegradation fordern ihren Tribut. Honduras, ein weiterer Spitzenexporteur, verzeichnete einen noch stärkeren Rückgang: -18,5 % seit 2020/21. Auch in Guatemala, Costa Rica und El Salvador - allesamt traditionell starke Akteure - ist die Produktion rückläufig. Die Ursachen sind vielfältig, aber das Ergebnis ist dasselbe: Die alte Geografie des Kaffees bekommt Risse.
Stattdessen wird eine neue Kartographie gezeichnet. Peru hat seine Produktion um 29 % gesteigert, Papua-Neuguinea um 38 %, Côte d'Ivoire um 54 % und Guinea um erstaunliche 150 %. Dies sind keine statistischen Ausreißer. Sie sind das Ergebnis gezielter, oft unauffälliger Initiativen: Bauernkooperativen, die in die Nacherntequalität investieren, Regierungen, die Kleinstverarbeitungsbetriebe finanzieren, und private Akteure, die widerstandsfähige Sorten entwickeln, die an die lokalen Ökosysteme angepasst sind. Keines dieser Länder wird Brasilien in absehbarer Zeit überholen. Aber das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist: Sie müssen es nicht.
Das zweite Paradoxon des kreativen Wandels ist folgendes: Wachstum ist nicht mehr gleichbedeutend mit Expansion. In einem Zeitalter der Fragmentierung, der zunehmenden Volatilität und der Umweltbeschränkungen bedeutet intelligentes Wachstum Relevanz, nicht Volumen. Es bedeutet, die erste Adresse für ein bestimmtes Geschmacksprofil zu werden, eine vertrauenswürdige Quelle für regenerative Praktiken oder ein Modell für eine integrative Steuerung der Lieferkette. Und in dieser aufkommenden Logik können auch kleinere Länder - selbst solche mit geringer Produktivität - zu strategischen Kraftzentren werden.
Uganda beispielsweise hat sich im Stillen als führender Canephora-Lieferant von außergewöhnlicher Qualität positioniert und gleichzeitig in hochgelegene Arabicas investiert. China entwickelt sich trotz des jüngsten Produktionsrückgangs schnell zu einem Testfeld für den Hybridanbau unter kontrollierten Bedingungen. Ecuador, einst nicht auf der Karte der Spezialitäten, hat seine Erträge in nur vier Jahren um 39 % gesteigert, indem es gemischte Agroforstsysteme eingeführt hat. Diese Länder „holen“ die alten Giganten nicht ein, sondern bauen etwas ganz anderes auf.
Dieser Wandel eröffnet aber auch ein nie dagewesenes Fenster für ein Umdenken in der Beschaffungspolitik. Anstatt sich auf „brasilianische Schokolade“ oder „äthiopische Blumen“ zu beschränken, haben Marken jetzt die Möglichkeit, Herkunftsidentitäten von Grund auf neu zu entwickeln - gemeinsam mit den Erzeugern eine Bedeutung zu schaffen, neue Geschmacksvokabeln zu definieren und neue Geschichten zu erzählen, die lokales Wissen und globale Werte widerspiegeln. Dies ist kein Marketing-Furnier. Es geht um die Gestaltung der Lieferkette als kulturelle Zusammenarbeit.
Im Kern erfordert dieser Wandel eine neue Art von Landkarte - eine, die nicht nur auf Exportstatistiken oder Schifffahrtsrouten basiert, sondern auf kreativen Fähigkeiten. Welche Länder können sich am schnellsten anpassen? Welche haben die politische Unterstützung, die Bildungseinrichtungen und die unternehmerische Energie, um nicht nur Kaffee anzubauen, sondern mit Kaffee zu wachsen?
Diese Frage stellt eine grundlegende Abkehr von der Vergangenheit dar. Das alte System behandelte die Ursprungsländer als statische Kulissen: Orte, an denen Kaffee zufällig angebaut wurde. Das neue System sieht sie als dynamische Partner: Ökosysteme von Ideen, Fähigkeiten und Ambitionen. Und das ändert alles - von der Bewertung von Risiken über die Definition von Qualität bis hin zur Skalierung von Innovationen.
Es bedeutet auch, dass die nächste „Kaffeemacht“ vielleicht nicht das Land mit den meisten Hektar ist, sondern das mit der größten Fantasie.
Dr. Steffen Schwarz ist international anerkannter Experte im Breich Kaffee, Unternehmer und Dozent.
Als Gründer des Coffee Consulate in Mannheim widmet er sich seit vielen Jahren der Aus- und Weiterbildung von Fachkräften entlang der gesamten Wertschöpfungskette des Kaffees. Seine Arbeit verbindet wissenschaftliche Erkenntnisse mit praktischer Erfahrung und umfasst Themen wie Kaffeequalität, Sensorik, nachhaltigen Anbau sowie die Verarbeitung und Zubereitung von Kaffee.
Mit seiner langjährigen Expertise berät er Unternehmen weltweit, entwickelt Bildungsprogramme für die Kaffeebranche und engagiert sich für einen verantwortungsvollen und qualitätsorientierten Umgang mit Kaffee. Als Autor vermittelt Dr. Steffen Schwarz komplexes Fachwissen verständlich und praxisnah und eröffnet seinen Leserinnen und Lesern neue Perspektiven auf eines der faszinierendsten Genussmittel der Welt.